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#4 - Ist Boxentraining noch zeitgemäß?Wie lernt dein Hund, zur Ruhe zu kommen?

Lies den Beitrag oder höre ihn dir als Podcast beim Gassigehen an. Während der Blog dir einen schnellen Überblick verschafft, gehen wir im Podcast noch mehr ins Detail.



Boxentraining war lange Zeit DAS Mittel der Wahl für einige Probleme mit dem Hund:


“Dreht dein junger Hund auf?” Dann mach Boxentraining, so lernt dein Hund Ruhe

“Dein Hund ist noch nicht stubenrein?” - Dann macht Boxentraining, in die Box macht der Hund nämlich nicht rein

“Dein Hund kann nicht alleine bleiben?" - Dann mach Boxentraining, da kann der Hund allein bleiben


Heute sieht es glücklicherweise auch das deutsche Tierschutzgesetz anders. Dieses besagt, dass die Unterbringung in einer Box lediglich in Ausnahmefällen wie z.B. dem Transport des Hundes oder aus medizinischen Gründen erlaubt ist. 


Folglich ist es nicht erlaubt, einen Hund in einer geschlossenen Box unterzubringen.

Glücklicherweise ist so ein Einsperren in eine Box auch nicht nötig, es gibt bessere Alternativen, insbesondere für das Erlernen von Ruhe. 



Wie lernt ein Hund zur Ruhe zu kommen?
Wie lernt ein Hund zur Ruhe zu kommen?

Hund zur Ruhe bringen: Diese Voraussetzungen müssen erfüllt sein


Zuerst mal ist es wichtig, dass du verstehst: dein Hund wird nicht lernen zur Ruhe zu kommen, weil er in eine Box gesperrt wird. Das wäre erzwungene Ruhe und letztlich keine Fähigkeit zur Selbstregulation.

Junge Hunde haben diese Fähigkeit zur Selbstregulation oftmals noch nicht. Wenn du einen Welpen oder einen jungen Hund hast, musst du ihm also manchmal helfen, Ruhe zu finden. 


Wichtig ist es hier, dass du zuerst die nötigen Voraussetzungen für Ruhe schaffst:


Ein gutes Maß an Aktivität in Form von Bewegung und auch geistiger Auslastung ist erforderlich, damit Ruhe möglich ist. Welches Maß das ist, kann ich dir nicht verraten, das ist individuell und auch immer von Alter und Tagesform abhängig. Abraten würde ich aber von der noch immer verbreiteten Regel, dass ein Welpe lediglich 5 Minuten pro Lebensmonat spazieren gehen darf und sonst ruhen soll. Natürlich brauchen junge Hunde mehr Ruhe und Schlaf als erwachsene Hunde, jedoch sollten sie sich auch ausreichend entsprechend ihrer Eigenmotivation bewegen dürfen und dazu genügen 5 Minuten pro Lebensmonat definitiv nicht.


Bevor du deinem Hund hilfst zur Ruhe zu kommen, sollte er also ausgelastet sein, aber möglichst nicht übermüdet und völlig überdreht. Leider lässt sich das bei Hundekindern nicht immer vermeiden. Nach und nach lernst du deinen Welpen aber besser kennen und wirst besser einschätzen können, wann er Ruhe benötigt. 

Zudem sollten alle anderen Bedürfnisse erfüllt sein: dein Hund sollte satt sein und er konnte sich lösen. 



Hund entspannen: Warum feste Rituale den Unterschied machen


Zur Erlernung von Ruhe erschaffst du ein Ruheritual für deinen Welpen, bei dem er lernt, dass nun nichts Spannendes mehr passiert und nun Entspannung ansteht. Dieses Ritual läuft nach einem festen Muster ab und gibt dem Hund Vorhersehbarkeit. Natürlich bedarf es einiger Wiederholungen, bis dein Hund weiß was nun ansteht und sich darauf einlassen kann.


Für das Ritual benötigst du ein Dauersignal, das kann z.B. eine bestimmte Decke oder eine bestimmte Musik sein. 

Du legst diese Decke aus und gibst deinem Hund gerne etwas zum Kauen oder zum Schlecken oder einen Schnüffelteppich. Kauen und Schlecken helfen deinem Hund bereits, die erste Erregung abzubauen. 


Du selbst solltest dich jetzt auch entspannen! Für unsere Hunde als soziale Wesen macht es nämlich keinen Sinn zu ruhen, wenn ihre Sozialpartner es auch nicht tun. Deshalb gilt besonders bei jungen Hunden: mache selbst Pause, gerne Mittagsschlaf, legt euch gemeinsam hin oder du liegst neben dem Körbchen deines Hundes. 


Nachdem dein Hund mit der Futterbeschäftigung fertig ist, hilfst du mittels Co-Regulation zur Entspannung: 



Co-Regulation als grundlegender Baustein!


Hier sehe ich den Schlüssel zum Erlernen der Selbstregulation, also der Fähigkeit, sich selbst herunterzufahren. Du wünschst dir doch auch einen Hund, der selbst in der Lage ist, seine Emotionen zu kontrollieren und zur Ruhe zu finden? Diese Fähigkeit muss im Laufe des Lebens erlernt und entwickelt werden und dazu kannst du aktiv beitragen! 


Co-Regulation ist ein Prozess, bei dem du deinem Hund emotionalen Halt gibst und ihm hilfst, sich aus einem Zustand emotionaler Überforderung oder Unruhe zu beruhigen. Nach und nach verinnerlicht dein Hund diesen Mechanismus und erlernt ihn selbst.


Gang praktisch bedeutet Co-Regulation, dass du deinem Hund Zuwendung in Form von gezieltem Körperkontakt, sanftes Streicheln oder eine ruhige Stimme gibst. 

Das senkt aktiv den Cortisolspiegel, kurbelt die Ausschüttung des Bindungshormons Oxytocin an und lässt deinen Hund spürbar zur Ruhe kommen. 


Je öfter ihr dieses Ritual übt, desto leichter wird es deinem Hund fallen, zur Ruhe zu kommen und desto weniger Hilfe wird er von dir benötigen. 


Die wilden 5 Minuten - was tun bei überdrehten Welpen?


Gerade bei jungen Hunden gibt es die sogenannten wilden 5 Minuten am Abend, in welchen der Hund sich einfach nicht beruhigen kann und womöglich herumrennt oder Dinge ankaut oder sogar dich oder andere Familienmitglieder beißt. 

Das kann für dich sehr frustrierend und ärgerlich sein und ich verstehe durchaus, dass du das Bedürfnis hast, deinem Hund mal ordentlich die Meinung zu sagen. Strafreize, die dieses Verhalten kurzfristig unterbrechen, würden dir jedoch kaum helfen, denn dadurch wird die Erregung bei deinem Hund nicht weniger und dein Hund lernt nicht diese Emotionen zu kontrollieren. 

Insbesondere in stressigen Situationen profitiert dein Hund sehr viel mehr davon, wenn du selbst ruhig bleiben kannst. So bist du auch ein gutes Vorbild und gibst deinem Hund Sicherheit. 


Du selbst bist der sichere Hafen, wenn dein Hund nicht zur Ruhe findet und seine Emotionen nicht kontrollieren kann. 


Also, auch wenn dein Welpe gerade überdreht, bleibst du ihm zugewandt und versuchst ihm zu helfen, zur Ruhe zu kommen. Du kannst deinem Hund eine Beschäftigung anbieten oder versuchen ihn durch Körperkontakt, Streicheln und beruhigendes Sprechen zu beruhigen. 


Das klingt erstmal simpel und du denkst dir vielleicht “das funktioniert aber nicht, wenn mein Hund durchdreht”. Ja, das kann durchaus sein. Trotzdem geht es hier ja auch darum, dass dein Hund lernt, diese Zuwendung anzunehmen und durch deine Co-Regulation herunterzufahren. 

Dies ist ein Lernprozess, der zwar Zeit braucht, aber langfristig großen Nutzen auf euer Zusammenleben hat. Indem du lernst, deinen Hund in stressigen Momenten aktiv zu begleiten, schaffst du ein Werkzeug, dass euch in aufregenden Situationen handlungsfähig macht. Ob Hundebegegnungen, Stradttrubel oder bei Besuch - wenn dein Hund lernt, dass er sich an deinem Zustand orientieren kann, wird akzeptables Verhalten die natürliche Folge seines Wohlbefindens sein. 


Merke: Ruhe, Gelassenheit und Selbstregulation sind Prozesse der Reife beim jungen Hund, aber auch Lernprozesse, zu denen du aktiv beitragen kannst. 



Was tun, wenn der Hund es gar nicht schafft, Ruhe zu finden?



Bei sehr jungen Hunden sind Schwierigkeiten zur Ruhe zu kommen erst mal meist nicht besorgniserregend. Hier gilt es manchmal Geduld zu haben und ein passendes Ruheritual zu finden und zu erlernen.

Ein erwachsener Hund sollte jedoch in der Lage sein, zu Hause zur Ruhe zu kommen, wenn für ihn nichts Spannendes passiert. 

Wenn ihm dies aber dauerhaft nur schwer gelingt, muss man mögliche Ursachen in Betracht ziehen:


  • Sind alle relevanten Bedürfnisse des Hundes erfüllt? 

  • Passt das Maß an Beschäftigung oder ist es möglicherweise zu viel oder zu wenig?

  • Hat der Hund ausreichend Bewegung und auch freie Bewegung, idealerweise im Freilauf?

  • Ist der Hund gesund? Oder plagen ihn Bauchschmerzen, Juckreiz oder andere Schmerzen? Dies muss ggf. bei einer Fachtierärzt:in sorgfältig geprüft werden! 



Also gar keine Box?


Vorweg: Eine offene Box, die der Hund selbstständig aufsuchen und verlassen kann, ist sowieso immer in Ordnung. Viele Hunde mögen Boxen einfach, sie geben Sicherheit und sind gemütlich. 


Eine Box kann ein sehr gemütlicher Ruheort für deinen Hund sein
Eine Box kann ein sehr gemütlicher Ruheort für deinen Hund sein


Zudem gibt es manchmal Hunde, für welche eine Box als Ruheort durchaus Vorteile hat. Geräuschängstliche Hunde können beispielsweise lernen eine schallgedämpfte Stoffbox aufzusuchen wenn es laut wird. Ich habe aber auch schon bei einigen Hunden zu einer Box geraten, wenn diese sich durch optische Reize und Bewegungen leicht aus der Ruhe bringen ließen, da eine Stoffbox mit Sichtschutz mehr Ruhe ermöglicht.


Wenn ein Hund eine Box kennt, kann diese auch als mobiler Rückzugsort (z.B. in Seminarsituationen oder im Restaurant) verwendet werden. 

Es gibt zahlreiche Beispiele, für die sich eine Box gut eignet. Und wenn dein Hund es kennt, ist es auch ok, die Box für eine bestimmte Zeit zu schließen. 


Dennoch geht es beim Boxentraining vorrangig darum, die Box als Wohlfühlort für den Hund aufzubauen, damit er diese selbstständig aufsuchen und darin entspannen kann. 


Wovon ich tatsächlich abrate ist die Box zum Alleinbleibtraining zu nutzen. Dafür benötigen wir meist längere Zeiteinheiten und für diese benötigt dein Hund mehr Platz. 




Fazit:

Eine Box ist nicht das Mittel der Wahl, um einen Hund zur Ruhe zu bringen. Ruherituale und Co-Regulation sind der Schlüssel zum gelassenen Hund! 

Besondere Situationen erfordern manchmal eine Box, es geht aber nicht darum, den Hund darin einzusperren, sondern ihm zu zeigen, dass es ihm dort gut geht und er entspannen kann. 


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